Gedanken zum Staunen und zum Aufschauen


von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“

Ich hab’ ein Kind im Ohr!

Ich hab’ ein Kind im Ohr, das mir manchmal seltsame Dinge sagt: Pflücke doch mal wie früher einen Löwenzahn und puste die Fallschirmchen hoch in die Luft hinaus. – Bleib doch mal stehen und bück’ Dich und beobachte den Käfer eine Weile, der auf Deinem Spazierweg krabbelt. – Hol doch mal die Malstifte aus der Schublade und male ein Bild. – Warum singst Du nicht mal wieder Weißt Du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt …?

Solche Sachen gehen mir von Zeit zu Zeit durch den Kopf – und manchmal werde ich dabei ein bisschen traurig. Dann denke ich: vielleicht zeigen mir diese Gedanken, dass in mir ein Kind lebt. Das Kind, das ich einmal war. Das Kind, das ich einmal gerne war.

Ja, ich hab’ ein Kind im Ohr. Und Sie? Haben Sie auch ein Kind im Ohr? Längst bin ich erwachsen wie Sie vermutlich auch, und irgendwann einmal ist mir von Erich Kästner zu Ohren gekommen: Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch. Dann wäre es also nicht kindisch, dem Vorschlag mit der Pusteblume, dem Käferbeobachten, dem Malen und dem Singen zu folgen? Nein, es wäre menschlich. Nur, wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.

Aber ich habe nicht nur ein Kind und Kästner im Ohr. Ich habe auch Jesus im Ohr. Ich habe Jesus im Ohr und höre ihn sagen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. (Mk 10,14) und: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Mt 18,3)

Wenn Jesus das sagt, geht es auch um Pusteblumen und Käfer. Um das Staunen über diese kleinen, unscheinbaren Schönheiten. Staunen gehört zum Umfeld des Glaubens. Kinder können staunen. Und Erwachsene? – Umkehren und werden wie die Kinder – da ist nicht gemeint, den Blick nach hinten zu wenden und sich melancholisch und nostalgisch in die vergangene Kinderzeit zurück zu träumen. Umkehren und werden wie die Kinder, das kann heißen, vom Blick nach unten in den Blick nach oben zu wechseln. Wir Erwachsenen möchten gerne oben sein, alles im Griff haben. Und so sind wir in ständiger Gefahr, zu sehr nach unten zu schauen, herab zu schauen auf Waren und Dinge, auf anstehende Aufgaben und schon Geleistetes, herab zu schauen auf andere Menschen. Ein Kind schaut auf. Die Blickrichtung nach oben gehört zum Kindlichsten an einem Kind – schon allein wegen der geringeren Körpergröße. Was ein Kind erwartet, ist über ihm, nicht unter ihm. Alles lässt es sich geben. „Kinder strahlen – von Geschenk.“ (Heinrich Spaemann)

Das Staunen und das Aufschauen. Diese Haltungen mögen es sein, die Jesus meint, wenn er sagt, dass Kindern das Reich Gottes gehört, und mithin jedem Menschen, der erwachsen geworden und Kind geblieben ist. So hat Jesus auch selbst gelebt: Der Aufblick zum väterlichen, mütterlichen, freundlichen Gott ist die Blickrichtung Jesu. Das Aufschauen ist deshalb die Blickrichtung des Glaubens. Der Kirchenraum ist ein guter Ort, diese Blickrichtung zu üben und zu stärken. Die aufstrebende Architektur erleichtert das Aufschauen, zieht den Blick nach oben. Von oben strahlt das Licht in den Raum. Wenn wir den Blick erheben, sehen wir in den Glasfenstern, Bildern und Skulpturen Frauen und Männer, die vor uns geglaubt und ihre Erwartung auf Gott gesetzt haben. Im Aufschauen sehen wir das Bild Jesu Christi, des Gekreuzigten und Auferstandenen. Am gekreuzigten und auferstandenen Christus lesen wir den Gott ab, der uns nicht nur in allem Leid nahe ist, sondern der uns in allen Lebenslagen neues Leben verheißt. Ewiges Leben.

Natürlich ist auch mit geschlossenen Augen ein Aufschauen möglich. Die erhabene Musik der Orgel, die den Kirchenraum mit Klängen füllt, ist allemal geeignet, uns innerlich zu erheben und zu erfüllen.


Tageslosung


Amos sprach: Ich bin ein Rinderhirt, der Maulbeerfeigen ritzt. Aber der HERR nahm mich von der Herde und sprach zu mir: Geh hin und weissage meinem Volk Israel!
Amos 7,14-15

Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt, folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!
Markus 1,16-17

Termine


25.10.2020 08:00 Uhr

Marienkirche

Frühgottesdienst

25.10.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst

25.10.2020 18:00 Uhr

MAH EG

Abendkirche

27.10.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

30.10.2020 17:00 Uhr

Marienkirche

Friedensgebet

31.10.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst zum Reformationstag