Gedanken zum Beten (2)


von Pfarrerin Sabine Großhennig

„Wissen Sie, Frau Pfarrer“, sagte sie zu mir, „am meisten macht mir zu schaffen, dass ich so gar nichts mehr für andere tun kann. Dafür bin ich zu alt. Ich kann eigentlich nur noch hier sitzen und beten.“

Die Frau, die das - vor etlichen Jahren, in meiner früheren Gemeinde- zu mir gesagt hat, war in der Tat nicht mehr jung. Sie war deutlich über 80 Jahre alt, konnte nicht mehr gut laufen, jedenfalls das Haus nicht mehr alleine verlassen. Und äußerlich betrachtet schien es wirklich so, als ob sie nicht mehr viel tun könnte. Aber für mich hat sie etwas sehr Wichtiges getan: Sie hat für mich gebetet – und, sie hat mich etwas gelehrt über das Beten.

Sie war, wie gesagt, deutlich über 80 und hatte ihr Leben lang schwer gearbeitet. Schon als junges Mädchen musste sie auf dem Hof der Eltern tüchtig mit anpacken. Später haben sie und ihr Mann miteinander ein Geschäft aufgebaut. Sie hat fünf Kinder großgezogen. Als die aus dem Haus gingen, hat sie die Schwiegereltern bei sich aufgenommen, später ihre Eltern gepflegt und zuletzt ihren Mann. Im ganzen Dorf war sie dafür bekannt, dass man bei ihr nicht zweimal um Hilfe anklopfen musste. Oh je, dachte ich zuerst, als sie davon erzählte: Wie kann man das schaffen – ein Leben nur im Dienst für andere? Aber je länger sie erzählt hat, merkte ich auch: In gewisser Weise hat sie das auch ein bisschen für sich selbst getan. Es war ihr Lebenselixier, für andere da sein zu können. Nun war sie selbst auf Hilfe angewiesen. Das fiel ihr nicht leicht. Aber zugleich hinderte sie das nicht daran, auch weiterhin für andere da zu sein, und zwar: durch das Gebet. Und ich muss sagen: das hat mich beeindruckt. Ich habe selten in einem Menschen so verkörpert gesehen, dass beten nicht nur eine Sache zwischen einem selbst und Gott ist.

Ich weiß ja nicht, was das Beten Ihnen bedeutet. Aber ich habe den Eindruck, für viele Menschen bedeutet es vor allem, sich selbst und das eigene Leben Gott anzuvertrauen, Gott um Hilfe zu bitten in schweren Zeiten. Und ich kenne das auch von mir selbst, dass ich dann besonders intensiv bete, wenn ich Hilfe brauche. Diese Frau aber bat Gott nicht um Hilfe für sich selbst. D.h., das hat sie vielleicht auch getan. Aber vor allem brachte sie im Gebet andere Menschen vor Gott mit deren Sorgen und Herausforderungen: Den Sohn, der vor einer Operation stand; die Enkelin, die bald ihr erstes Kind gebären sollte; die Nachbarin, deren Mann kürzlich gestorben war und auch mich, die Pfarrerin, deren Termine sie im Gemeindebrief gelesen hatte. So nahm sie, die das Haus kaum noch verlassen konnte, dennoch Anteil an unserem Leben, und zwar auf sehr mitfühlende und nachdenkliche Art und Weise: indem sie für uns betete.

„Wissen Sie“, sagte sie, „ich kann ja nicht mehr viel tun; nur noch hier sitzen und beten“.

Ich meine: das ist nicht wenig, sondern viel. Für mich jedenfalls war ihr Gebet eine sehr kostbare Gabe. Und ich denke: Vielleicht kann diese Erfahrung auch eine Hilfe sein in unseren Tagen, in denen wir wegen des Corona-Virus den direkten persönlichen Kontakt meiden müssen. Lassen Sie uns als Christenmenschen füreinander beten - leider nicht in der Kirche, aber schon miteinander, z.B. wenn die Glocken unserer Marienkirche läuten. Lassen Sie uns nicht nur, aber auch so in Kontakt bleiben miteinander. Und, wie sagt meine frühere Mesnerin immer am Telefon: Fühlen Sie sich in den Arm genommen!


Tageslosung


Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN.
1.Samuel 2,1

Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude.
1.Petrus 1,8

Termine


04.06.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

05.06.2020 17:00 Uhr

Marienkirche

Friedensgebet

06.06.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

07.06.2020 08:00 Uhr

Marienkirche

Frühgottesdienst

07.06.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst

09.06.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit