Gedanken zum Besonderen


von Sabine Werner-Heid, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei den „Orgel-Gedanken“

Meine Mutter war eine sehr kluge Pädagogin.

Obwohl wir als Kinder vor mehr als einem halben Jahrhundert nicht annähernd so viel Spielzeug hatten wie viele Kinder heutzutage, hatte sie zuweilen den Eindruck, dass wir so viel Zeug hätten, dass wir die einzelnen Sachen gar nicht mehr richtig zu würdigen wüssten. Manches, so fand sie, wurde von uns achtlos und lieblos behandelt, das Spiel damit schien langweilig zu sein und keine von uns Schwestern gab sich noch damit ab.

Dann konnte es sein, dass sie einige Plüschtiere und andere Spielsachen einfach wegräumte und so versteckte, dass wir sie nicht mehr fanden.

Das verärgerte uns zwar in dem Moment, aber irgendwann arrangierten wir uns damit, vergaßen es vielleicht sogar….und dann, eines Tages, holte sie das Spielzeug aus seinem Versteck - und siehe da, es war auf einmal etwas ganz Besonderes! Die Freude war groß, das Spielzeug fühlte sich auf einmal wie neu an, als hätte man es noch nie gesehen, und das Spielen damit machte wieder richtig Freude! Wir wussten wieder, was wir daran hatten und erkannten die Möglichkeiten, unser Spiel damit zu bereichern.

Warum ich Ihnen das erzähle?

In diesen Tagen der ersten Lockerungen der strengen Corona-Regelungen habe ich plötzlich dieses Gefühl wieder erlebt:

Dinge, die wir immer für selbstverständlich genommen hatten, wurden uns plötzlich weggenommen, ob wir wollten oder nicht. Zwar keine Spielsachen, aber liebgewordene Gewohnheiten, Aktivitäten, die unser Leben abwechslungsreich machten und bereicherten. Wir nahmen sie in unserem Alltag für selbstverständlich, sie gehörten einfach dazu und waren ganz normal – nichts Besonderes!
- Sich mit Freundinnen in der Stadt treffen und einen Kaffee trinken.
- Einem plötzlichen Impuls folgen und etwas einkaufen, was man gerade gerne haben möchte.
- Verwandte besuchen oder zum Geburtstag einladen.
- Keine Lust auf Kochen? Kein Problem, dann gehen wir heute eben mal aus zum Essen!
- Die wöchentliche Chorprobe.
- Im Verein Sport treiben oder ins Fitness-Studio gehen
- Verreisen.
- Einen interessanten Kurs besuchen
- Jeden Sonntag entscheiden können, ob man in die Kirche zum Gottesdienst gehen möchte oder vielleicht doch lieber ausschlafen.

Alles ging plötzlich nicht mehr! Da erst merkten wir so nach und nach, wie uns diese Dinge fehlten! Wie viel von unserer alltäglichen Lebensqualität sie ausmachten! Wie anstrengend und frustrierend es war, darauf zu verzichten und die Durststrecke durchzuhalten!

Und jetzt geht doch allmählich so manches davon wieder, und ich fühle mich wieder wie als Kind, wenn ein lange nicht mehr auffindbares Spielzeug plötzlich wieder da war:

Es ist etwas ganz Besonderes! Ich wusste ja gar nicht mehr, wie schön es ist, es zu haben!
- Sich wieder mit wenigstens ein paar Menschen treffen zu dürfen, und von Angesicht zu Angesicht ein bissle schwätzen – es muss gar nichts Weltbewegendes sein, was besprochen wird - nur einfach statt nur am Telefon die Stimme zu hören, auch das Gesicht, die Gestik des Gesprächspartners wieder sehen zu können!
- In ein Textilgeschäft gehen und so etwas Unspektakuläres wie eine Jeans kaufen.
- Der ersehnte Friseurbesuch!
- Am Sonntag zum ersten Mal wieder eine richtige Orgel zu hören, deren Klang den Kirchenraum um mich her füllt und nicht nur aus dem Lautsprecher des Fernsehers ertönt ... mit einer Gottesdienstgemeinde zusammen das Vaterunser murmeln….wenn auch nur durch die Schutzmaske ... am Schluss des Gottesdienstes von einem leibhaftigen Pfarrer den Segen zugesprochen bekommen.

Und die Vorfreude empfinden auf die weiteren Spielsachen, die wir hoffentlich auch bald wieder bekommen: den regelmäßigen Sport, die Geburtstagseinladung, irgendwann auch das gemeinsame Singen ...

Vielleicht kann uns die Durststrecke der letzten Wochen und die kleinen Lockerungen, die wir jetzt wieder nach und nach erleben, da eine Lektion lehren: die kleinen Dinge des Alltags wieder bewusst als Geschenk zu sehen, nicht für selbstverständlich zu nehmen, bewusst zu genießen, und vielleicht am Abend vor dem Einschlafen im Gebet dafür zu danken!


Tageslosung


Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN.
1.Samuel 2,1

Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude.
1.Petrus 1,8

Termine


04.06.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

05.06.2020 17:00 Uhr

Marienkirche

Friedensgebet

06.06.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

07.06.2020 08:00 Uhr

Marienkirche

Frühgottesdienst

07.06.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst

09.06.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit