Gedanken zum Ansehen


von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“

Der Blick in den Spiegel gehört für uns alle zum täglichen Ritual. Nach dem Aufstehen im Badezimmer oder bevor wir das Haus verlassen an der Garderobe schauen wir hinein. Meist ist es ein eher flüchtiger Blick. Sind die Haare so, wie ich sie haben möchte? Sitzt die Mütze an der richtigen Stelle? Passen meine Kleidungsstücke zu einander? Wenn nicht, kann ich das korrigieren. Gut, dass es Spiegel gibt. Doch manchmal nehmen wir mehr als nur Äußerliches wahr. Beim Betrachten unseres Spiegelbildes geht der Blick tiefer. Wir fragen uns: Wer bin ich? Bin ich einverstanden mit meinem Leben? Habe ich Frieden mit der Person, die mich als mein Spiegelbild an-schaut? Die Bilanz, die ich dann ziehe, kann so oder so ausfallen. Zufrieden und dankbar oder beunruhigt und zweifelnd oder all dies zugleich. Wie auch immer, vor dem Spiegel sind wir mit uns und unserem Urteil allein. Und das kann manchmal recht hart ausfallen.

Die Schauspielerin Hanna Schygulla sagte einmal: Ich schaue mich nicht mehr selber so oft im Spiegel an; denn die Augen, mit denen man sich selber ansieht, sind nicht die, bei denen man am besten aufgehoben ist. […] Es reicht mir nicht, nur mich im Spiegel zu sehen, ich brauche ein Gegenüber, das mich anschaut.
Ganz gewiss denkt Hanna Schygulla dabei zuerst an Menschen aus ihrem Lebensumfeld, an Kolleginnen und Kollegen, an Bekannte, an Menschen aus ihrer Familie, an Freundinnen und Freunde. Zusammengefasst: An Menschen, die ihr am Herzen liegen und denen sie wichtig ist.

Im biblischen Buch der Sprüche heißt es: Wie sich im Wasser das Angesicht spiegelt, so ein Mensch im Herzen des andern. (Spr 27,19)
Wir alle kennen bestimmt mindestens einen Menschen, mit dem wir von Herzen verbunden sind. Das ist dann so ein Gegenüber, das mich anschaut – ein Spiegel, bei dem ich besser aufgehoben bin als im Spiegel meiner eigenen Augen. Eine gute Freundin, ein guter Freund schaut mich an mit einem Blick, der wohlwollend ist, der mich wertschätzt; mit einem Blick, der mich annimmt in meinem So-Sein und mich stärkt. Wo mir das Herz eines anderen Menschen ein Spiegel ist, da darf mich dieser Mensch auch ermahnen und zurecht bringen. Er wird es hoffentlich tun, ohne mich kleinzumachen und ohne sich von mir abzuwenden.

Gut, dass es menschliche Spiegel gibt, aus denen uns ein Spiegelbild freundlich ansieht. Doch von einem weiteren An-Sehen ist zu reden. In Psalm 32 heißt es von Gott: Ich will dich mit meinen Augen leiten. Also: Gott will uns mit seinen Augen leiten.

In einer ’Bibel für Schwoba’ – ja, das gibt es tatsächlich –, da heißt dieser Satz: I han a Aog auf de. Das klingt ein wenig nach ’big brother is watching you’. Besser gefallen würde mir: I guck noch dir. Darin steckt so viel: Ich kümmere mich um Dich. Ich bin für Dich da. Ich meine es gut mit Dir. Du kannst Dich auf mich verlassen. I guck noch dir. Ich will dich mit meinen Augen leiten.
Gottes Blick auf jeden von uns ist ein Blick der Güte. Nicht in unserem eigenen Urteil über uns, noch nicht einmal in dem, was andere in uns sehen, liegt unser Ansehen begründet. Unser Ansehen und unsere Würde ergeben sich im Blick Gottes. So können wir werden, was wir in Gottes Augen sind, sein Gegenüber. Ich wünsche uns, dass wir dem Blick Gottes trauen, ihn suchen und ihn erwidern. Im Beten z.B. liefern wir uns diesem Blick der Güte aus. Ich schließe mit einem Satz von Teresa von Avila, die auch eine Lehrerin des Gebets ist; sie schreibt:
Beten ist Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.


Tageslosung


Der HERR erweckte den Geist des Volkes, dass sie kamen und arbeiteten am Hause des HERRN Zebaoth, ihres Gottes.
Haggai 1,14

Lass nicht außer Acht die Gabe in dir, die dir gegeben ist.
1.Timotheus 4,14

Termine


25.10.2020 08:00 Uhr

Marienkirche

Frühgottesdienst

25.10.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst

25.10.2020 18:00 Uhr

MAH EG

Abendkirche

27.10.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

30.10.2020 17:00 Uhr

Marienkirche

Friedensgebet

31.10.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst zum Reformationstag