Gedanken zu Macken und Brüchen


von Manfred Häußler, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei den „Orgel-Gedanken“

Kennen Sie das auch? Unter allen Tassen, die Sie im Schrank haben, ist die eine oder andere, die eine Macke oder einen Sprung hat? Wenn Besuch kommt, bleibt sie im Schrank. Aber immer mal wieder gerät sie Ihnen in die Hände, wenn Sie für sich einen Tee oder Kaffee machen. Vielleicht ist es sogar Ihre Lieblingstasse. Darum können Sie sich – trotz der Macke – von dieser Tasse nicht trennen. Wegscheißen, nur weil sie nicht mehr unversehrt und perfekt ist? Kommt gar nicht in Frage!

Ich möchte auch nicht einfach weggeschmissen werden, nur weil ich einen ’Sprung’ habe. Wer von uns kann schon behaupten, ohne Verletzungen durch’s Leben zu gehen? Es ist ein rasch vergehender Traum der Kinderzeit, dass immer alles glatt geht, dass die Wege, die man privat und beruflich geht, geradlinig sind. Neben allem Schönen und Beständigen gibt es – unverhofft kommt oft – leider auch Brüche und Verwerfungen, die im Leben Macken und Sprünge hinterlassen.

In Japan gibt es eine Kunst, die Kintsugi genannt wird, übersetzt ’Goldreparatur’. Wenn eine wertvolle Keramikschale in Scherben zerbricht, wird sie wieder zusammengefügt.

Nicht ohne sichtbare Risse, das wäre ja unmöglich. Aber: Die Bruchstellen werden nicht nur mit besonderem Kitt und Lack geflickt, sondern auch mit Goldstaub. So wirken die Brüche besonders kostbar, das ganze Gefäß ist neu und anders, es glänzt sogar. Jede wiederhergestellte Schale zeigt: Ich bin gebrochen, an verschiedenen Stellen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden, wieder neu gefüllt werden zu können. Aber genau das macht mich einzigartig. (Quelle: Iris Macke, Der Andere Advent 2017/18, zum 2.12.)
Wo gibt es einen Künstler, ein Meister müsste er schon sein, der auf solche Weise mich und mein Leben in die Hand nimmt, der es sich Mühe und Zeit kosten lässt, mich heil und ganz zu machen? Gibt es so jemand? Im 17. Jahrhundert sagte der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Blaise Pascal: „Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen“. Er gibt die Antwort: Gott will mit den Bruchstücken unseres Lebens umgehen. Er ist der Goldreparateur. Und das heißt ja auch: Gott legt uns nicht beiseite, er wirft uns nicht weg, wenn nicht alles unversehrt und perfekt ist. Es ist ein beruhigender Gedanke, bei Gott nicht mackenfrei und makellos sein zu müssen. Ich muss nicht wie das ’gute Geschirr’ sein, denn Gott ist nicht nur zu Besuch bei mir. Er beseitigt auch nicht die rissigen Spuren, die das Leben hinterlässt, schon gar nicht rückstandsfrei. Wie beim Kintsugi kittet er sie mit Goldstaub. So wirken die Brüche besonders kostbar, das ganze Gefäß – hier: der ganze Mensch – ist neu und anders. Im Rückblick auf unser Leben erkennen wir tatsächlich manchmal, dass gerade die Sprünge und Brüche dem Leben seine besondere Gestalt geben. Wir merken, dass wir an dem gewachsen sind, was uns zunächst widerwärtig schien, was uns lähmte, zweifeln oder gar verzweifeln ließ.

Ich wünsche uns allen, dass wir sagen können: Ich bin zwar gebrochen, an verschiedenen Stellen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden, wieder neu gefüllt werden zu können. Aber genau das macht mich einzigartig. Gott sei Dank!



Tageslosung


Der HERR erweckte den Geist des Volkes, dass sie kamen und arbeiteten am Hause des HERRN Zebaoth, ihres Gottes.
Haggai 1,14

Lass nicht außer Acht die Gabe in dir, die dir gegeben ist.
1.Timotheus 4,14

Termine


25.10.2020 08:00 Uhr

Marienkirche

Frühgottesdienst

25.10.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst

25.10.2020 18:00 Uhr

MAH EG

Abendkirche

27.10.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

30.10.2020 17:00 Uhr

Marienkirche

Friedensgebet

31.10.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst zum Reformationstag