Gedanken zu Kirchenräumen


von Judith Jünger, ehrenamtliche Mitarbeiterin bei den „Orgel-Gedanken“

Ich hätte nie gedacht, dass mir in meinem Leben ein Kirchenraum so ans Herz wachsen könnte. Vielleicht sogar noch besser „ins Herz wachsen könnte“. Die ganzen Wochen, wo die Marienkirche geschlossen war, habe ich diesen sakralen Raum ganz tief in mir gespürt.

Ich trage so viele Erinnerungen an den Innenraum der Marienkirche in mir, dass meine Seele ganz leichtfüßig darin herumgehen kann. Dabei lebe ich erst seit 15 Jahren in Reutlingen und bin in ganz anderen Kirchenräumen groß geworden. Die kleine fränkische Dorfkirche meiner Kindheit erinnere ich vor allem mit dem aufwändigen Schmuck mit Birkengrün und Papierblumen zu den Konfirmationen. Bei der kleinen markgräflichen Kirche im Nachbardorf fällt mir zuerst das Orgelspiel meiner Mutter ein. Sie hat dort ab und zu ausgeholfen und ich durfte ihr die Noten umblättern. Konfirmiert wurde ich in einer modernen Zeltkirche, von der mir vor allem die kleine Küche in besonderer Erinnerung ist. Dort haben wir beim Abwasch nach dem Osterfrühstück mit dem Pfarrer afrikanische Osterlieder geschmettert. Und im Jugendraum nebenan habe ich meine erste Jugendgruppe erlebt. Große sakrale Bauten haben meine Lebensjahre in Frankreich geprägt. Oft habe ich in der Kathedrale von Saint Denis im Norden von Paris gesessen und den Raum und das Licht auf mich wirken lassen. In der Abteikirche von Fécamp in der Normandie kann ich mich genau an meine Rundgänge durch dieses Bauwerk erinnern, an die Sichtachsen, das Moos auf den Wänden, die wunderbaren Konzerte, die ich dort gehört habe. Und nun gehört seit 15 Jahren eine neue Kirche in mein Leben – die Marienkirche in Reutlingen. Zahlreiche Taizégottesdienste im Chorraum mit dem Blick auf das wunderbare Altarkreuz und die Rosette an der Stirnseite sind tief in meinem Gedächtnis abgespeichert. Viele Osternächte sind in meinem Herzen ganz präsent – mit dem Osterlicht, das die dunkle volle Kirche nach und nach erhellt. Danach das obligatorische Osterfrühstück mit dem traditionellen Eierditschen – zumindest in unserer Familie: „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden“. Leicht übermüdet ging es nach einer kurzen Pause zu Hause in den anschließenden Osterfamiliengottesdienst, wo die Kinder im Chor sangen und das übermütige Ostereiersuchen denselben Kirchenraum innerhalb von wenigen Stunden völlig anders erleben ließen.

Die verschlossenen Kirchen zu Ostern waren schmerzhaft, aber ich merke, dass ich die Botschaft dieses Raumes in mir trage. Ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, einen Text für die Orgelgedanken zu schreiben, wenn sie real gar nicht stattfinden. Aber nun, wo ich nachts vor meinem Computer sitze und diese Zeilen schreibe, trägt mich das innere Bild dieses Kirchenraumes. Mit meinem Körper, meiner Stimme, meinen Gedanken, meiner Seele bin ich ein Teil davon und diese Kirche ist ein Teil von mir. Ich sehe mich mit Einkaufstaschen oder leichtem Gepäck kurz vor 12 Uhr in die Kirche kommen, den handgeschriebenen Zettel mit den Orgelstücken entgegennehmen. Ich sitze immer in der ersten Reihe und warte auf das Läuten der Glocken und das Einsetzen des Orgelspiels. Erst wenn ich nach dem Verklingen des letzten Tons aufstehe, nehme ich wahr, wie viele Menschen in der Kirche sind – und bin oft erstaunt. Mittlerweile kenne ich den Klang meiner Stimme in dieser großen Kirche und nehme mich trotzdem ganz bewusst wahr, wenn ich am Mikrofon stehe. Ich bin dankbar, dass ich bei den Orgelgedanken kleine Texte, die auf unterschiedlichste Weise den Weg zu mir gefunden haben, weitergeben darf. Ab und zu finde ich die Zeit, selbst etwas zu schreiben. Das zweite Orgelstück erlebe ich oft als kurze, tiefe Meditation. Zum Abschied sage ich immer: Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben, hier zu sein. Und ich freue mich, in Gesichter von Menschen zu blicken, die diese kurze Auszeit aus dem Alltag bewusst wahrgenommen haben.

Diesmal schreibe ich: Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben, diesen Text zu lesen und in Gedanken mit mir bei den Orgelgedanken zu sein. Ich kann Ihre Gesichter nicht sehen, aber ich freue mich, Sie in nicht allzu langer Zeit wieder zu treffen. Alles Gute für Sie und bleiben Sie behütet.


Tageslosung


Ich will den HERRN loben in den Versammlungen.
Psalm 26,12

Wie ist es nun, Brüder und Schwestern? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung!
1.Korinther 14,26

Termine


04.08.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

06.08.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

07.08.2020 17:00 Uhr

Marienkirche

Friedensgebet

08.08.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

09.08.2020 08:00 Uhr

Marienkirche

Frühgottesdienst

09.08.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst