Gedanken zu Glocken


von Pfarrerin Sabine Großhennig

An der kleinen Kirche meiner früheren Pfarrstelle haben sich vor etlichen Jahren Jugendliche einen originellen, allerdings gefährlichen Mai-Scherz einfallen lassen. Sie sind mitten in der Nacht mit einer Leiter auf das Kirchendach geklettert. Von dort aus konnten sie den kleinen, offenen Turm erreichen. Und dort haben sie die Klöppel der Glocken mit dicken Tüchern umwickelt.

Am nächsten Morgen wusste fast jeder im Dorf davon. Nicht, weil die Jugendlichen damit geprahlt hätten – das taten sie wohlweislich nur im kleinen Kreis. Nein, den Leuten fiel einfach auf, dass die Glocken nicht läuteten.

Ich denke, das geht vielen so: Egal ob sie sich nun der Kirche zugehörig fühlen oder nicht, der Klang der Glocken gehört einfach dazu – am Sonntag aber auch an Werktagen.
Auf dem Dorf hat das sicher noch eine größere Bedeutung. Im Nachbarort zum Beispiel läutete die Mesnerin die Sterbeglocke, sobald sie vom Tod eines Menschen erfuhr. Oder beim Mittagsläuten beeilten die Schulkinder sich, ihren Bus zu erreichen. Ganz selbstverständlich halfen die Glocken, den Alltag zu strukturieren.

Aber auch in der Stadt kommt es vor, dass Menschen bewusst oder ganz nebenbei den Klang der Glocken wahrnehmen. Ich denke da zum Beispiel an eine Frau, die im Krankenhaus nächtelang wach lag, weil sie Schmerzen hatte und ihr so viele Nachtgedanken durch den Kopf gingen. „Wenn ich nicht wenigstens am Stundenschlag der Glocken gemerkt hätte, dass auch diese lange Nacht allmählich zu Ende geht, wäre ich verrückt geworden“, hat sie gesagt. Erfreulicher ist es, wenn am Sonntagmorgen die Glocken so eine Art „Sonntagsgefühl“ wecken- auch, wenn man sie nur im Halbschlaf hört und sich nochmal auf die andere Seite drehen kann. Man weiß ja: es ist Sonntag.

Sicher, manche Leute ärgern sich auch über das Geläut und fühlen sich davon gestört. In vielen Orten ist es deshalb immer mehr aus dem Alltag verdrängt worden. Das finde ich schade. Obwohl ich auch neben einer Kirche wohne, würde ich ungern auf den Klang der Glocken verzichten. Ich mag es als Alltagsgeräusch, das mir ganz nebenbei anzeigt, „was die Stunde geschlagen hat“. Und ich mag es, wenn mich die Glocken am Sonntagmorgen daran erinnern, dass die Woche nicht nur Werktage hat.

In diesen Wochen nun, in denen wir, um das Ansteckungsrisiko klein zu halten, körperlich Abstand halten müssen voneinander, können auch die Glocken eine größere Bedeutung haben als sonst: Neben persönlichen Anrufen, Mail-Kontakten oder so, die jetzt ganz wichtig sind, können sie viele Menschen unserer Stadt gleichzeitig erreichen. Die Glocken unserer Marienkirche etwa läuten, wie die anderen Kirchen, zu den üblichen Gebetszeiten am Morgen, Mittag und Abend. Und auch am Sonntagmorgen läutet die Betglocke weiterhin um 10 Uhr. Sie kann uns nun nicht zum Gottesdienst zusammenrufen. Aber sie kann uns einladen, in diesen schwierigen Zeiten füreinander und miteinander zu beten. Und ganz nebenbei erinnert der Stundenschlag daran, dass auch diese Zeit nicht für immer dauern wird.

Gott behüte sie!





Tageslosung


Ich will den HERRN loben in den Versammlungen.
Psalm 26,12

Wie ist es nun, Brüder und Schwestern? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung!
1.Korinther 14,26

Termine


04.08.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

06.08.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

07.08.2020 17:00 Uhr

Marienkirche

Friedensgebet

08.08.2020 12:00 Uhr

Marienkirche

Orgelgedanken zur Marktzeit

09.08.2020 08:00 Uhr

Marienkirche

Frühgottesdienst

09.08.2020 10:00 Uhr

Marienkirche

Gottesdienst